Von singenden Pfadfindern und jubelnden Niederländern

Nehmt Abschied Brüder,
ungewiss ist jede Wiederkehr.
die Zukunft liegt in Finsternis
und macht das Herz uns schwer
.

So beginnt eines der wohl bekanntesten Lieder der Pfadfinder. Es ist das Lied des Abschieds, es wird gesungen, wenn ein Lager, eine Fahrt, oder eine andere Aktion zu Ende geht, wenn dann alle nach Hause gehen. Es ist das Lied des Abschieds, den man eigentlich gar nicht will.

Doch obwohl dieses Lied auf den ersten Blick so unscheinbar, wie ein klassisches Pfadfinderlied eben ist, wirkt, hat es eine weite Reise hinter sich, von Neujahr in Amerika, zu japanischen Glühwürmchen, bis hin zu niederländischem Fußball.

Aber von Anfang: Das Lied kommt ursprünglich aus Schottland. Unter dem Namen Auld Lang Syne (schottisch, bedeutet etwa: „Auf die alten Zeiten“) war es ein typisches Folklorelied im Schottland des frühen achtzehnten Jahrhunderts. Als sich 1707 Schottland und England zum Vereinigten Königreich vereinigten, fürchteten viele Schotten um ihre eigene Sprache, Schottisch. James Watson, ein Verleger zu der Zeit, reiste deshalb durch Schottland, und sammelte, ähnlich der Gebrüder Grimm in Deutschland, dort Gedichte, Lieder und andere Folklore, um sie zu bewahren. 1711 veröffentlichte er ein Buch, in dem unter anderem auch Auld Lang Syne abgedruckt war.

Seit dem war Auld Lang Syne, vor allem in Großbritannien ein beliebtes Lied, um der Vergangenheit nachzutrauern. Mit der Zeit kam es aber ganz schön auf der Welt herum. So war es etwa von 1919 bis 1948 die Melodie der koreanischen, später südkoreanischen Nationalhymne und bis 1972 die Melodie der Nationalhymne der Malediven. Durch den Kolonialismus kam das Lied auch nach Indonesien, wo es von einigen indigenen Musikern bei Beerdigungen gespielt.

In Japan ist es als Hotaru no Hikari (jap. „Schimmer des Glühwürmchens“) bekannt, und wird heute meist als Ankündigung für den Ladenschluss in Kaufhäusern oder Supermärkten gespielt. Für die Niederländer ist es eines der Fußballlieder schlechthin; als sie 1988 Europameister wurden, wurde die niederländische Version Wij houden van Oranje (niederl. „Wir lieben Orange“, da die Niederländischen Trikots orangefarben sind) gespielt, und das Lied damit zur Fußballikone.

Nach Deutschland kam das Lied vermutlich erst 1946, als der Musiker Claus Laue im Auftrag der Deutschen Pfadfinderschaft St. Georg (DPSG, bis heute größter Pfadfinderbund Deutschlands) ins Deutsche übersetzt. Zuvor war es bereits in anderen Ländern von Pfadfindern als Abschiedslied gesungen worden.

Doch am bekanntesten ist das Lied vermutlich durch Guy Lombardo geworden. Der kanadische Musiker spielte das Lied zu Sylvester 1929 gemeinsam mit seiner Band His Royal Canadians im Roosevelt-Hotel in New York, was live ins Radio übertragen wurde. Das war gerade die Zeit, zu der viele Amerikaner das Radio für sich entdeckten, und so auch Auld Lang Syne an Sylvester hörten. Lombardo begann mit diesem ersten Auftritt eine Tradition, seitdem ist das Lied für viele, nicht nur Amerikaner, sondern auch viele Menschen in vor allem englischsprachigen Ländern, ein Symbol für den Jahreswechsel, für das Ende des alten, und den Beginn des neuen Jahres.

Eine interessante Beobachtung zu guter Letzt: Nahezu alle diese Abwandlungen des Liedes haben, wenn manchmal auch über Umwege, etwas mit Abschied, Ende und Vergänglichkeit zu tun: Sei es das Verabschieden des alten Jahres, das schnell weiter fliegende Glühwürmchen, die im ursprünglichen Text beschriebenen alten Zeiten, oder aber das Abschied der Pfadfinder voneinander.

In dem Sinne: Frohes Neues!

Author: Florian Boden

DRKler, Pfadfinder und Ministrant, mit einer Affinität für Bitterschokolade und einem sehr eigenwilligen Humor. Grünen- und GJ-Mitglied. Interessiert in Verkehrs- und Digitalpolitik, sowie Modelleisenbahnen und Fotografie.

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